Schreibupdate

Mein Debütroman "Die Sundea Chroniken -Jenseits der Wellen" erschien am 22.10.21.

Nun folgte am 25.03.22 der zweite Teil "Die Sundea Chroniken - Auf gefährlichen Pfaden". Ich freue mich so sehr, dass ihr nun lesen könnt, wie es weitergeht. 

Sobald der zweite Teil veröffentlicht ist, schreibe ich fleißig am dritten und finalen Band weiter. Knapp 60.000 Worte sind bereits getippt und ich bin selbst schon ganz gespannt, wie sich die einzelnen Erzählstränge verbinden werden. Ihr könnt euch vermutlich im Herbst 2022 auf das Ende der Sundea Chroniken freuen.

 

 

 

So geht es mit Band 2 weiter - schnuppert doch schon mal in das erste Kapitel hinein

Kapitel 1 - Lias

„Sie sind ungefähr drei Meilen von uns entfernt. Zehn Mann zu Pferde. Leicht bewaffnet.“ Lias kauerte sich hinter den umgefallenen Baumstamm, wo Rena mit ihren Freundinnen saß. Er konnte Skara nicht entdecken, auch wenn sie sich nur auf der anderen Seite der dämmrigen Lichtung befand. Das dunkle Gesicht der Leibwächterin verschmolz mit dem sattgrünen Laub und wurde im Zwielicht des Waldes unsichtbar. Aber sie war in Renas Nähe, wie immer. Darauf war Verlass. 

Lanna richtete sich ein wenig auf und schaute ihn fragend an. „Wir müssen weg, oder?“

„Ich denke, ja. Noch haben wir eine Chance, uns aus dem Staub zu machen, bevor sie uns entdecken.“ 

„Wir könnten uns auch im Wald verstecken und sie vorbeiziehen lassen.“ Skaras großgewachsene Gestalt war lautlos neben ihnen aufgetaucht. 

Lias war erleichtert, sie zu sehen, aber nicht sicher, ob ihm ihr Vorschlag gefiel. „Die Pferde sind ein gutes Stück vom Weg entfernt angebunden. Solange sie sich still verhalten, könnte es funktionieren. Aber was, wenn eines sich bemerkbar macht? Dann wissen sie, dass wir in der Nähe sind. Und wir haben keine Möglichkeit mehr, zu fliehen. Ohne Pferde werden sie uns schnell einholen.“ 

Jetzt endlich schaute Rena auf und der Blick aus ihren goldbraunen Augen nagelte Lias fest. Ihre Kiefermuskeln traten hervor und sie schloss kurz die Lider. Sie wirkte angespannt und hart, seitdem sie aus ihrer Heimat Sundea geflohen waren. Seit diesen schrecklichen Ereignissen, die sie in ihre aussichtslose Lage gebracht hatten. Vor Lias innerem Auge flackerten Bilder aus seiner Erinnerungen auf, in rotes Blut und ätzenden Rauch gehüllt, und in seinem Kopf erklangen Schreie, die ihm Schauder durch jede Faser seines Körpers jagten. Er musste das flaue Gefühl im Magen unterdrücken. 

Du hast jetzt keine Zeit für sowas!, ermahnte er sich und atmete gepresst aus.

„Wir bleiben hier.“ Renas Antwort klang wie ein Befehl. Skaras Blick blieb undurchschaubar wie eh und je, er selbst nickte stumm. Auch Marla, Renas beste Freundin, und Lanna, ihre jüngere Cousine, erwiderten nichts. Die Zeit war knapp. Drei Meilen legte ein Berittener rasch zurück und die Ascaner waren begnadete Reiter mit ausdauernden, flinken Pferden. 

Lias folgte den anderen tiefer in den Wald. Den Weg mieden sie wie schon zuvor, und im dichten Unterholz rissen Dornen und Büsche am ohnehin zerfetzten Saum von Renas Kleid. Sie zerrte mit beiden Händen daran und hastete weiter. 

Lias blieb kurz stehen, hielt Marla die gekreuzten Handflächen hin und das schlanke Mädchen zog sich geschickt am Ast einer Linde empor. Sie schob sich höher und höher und verbarg sich im dichten Blätterdach, sodass sie von unten kaum zu sehen war. Nur ein aufmerksam suchendes Auge vermochte sie zu entdecken.

Sie eilten ein Stück weiter und auch Lanna verschwand in der Krone eines Baumes. 

Durch den sonst stillen Wald, der die Luft anzuhalten schien, ging ein Knacken. Rena schaute hinter sich, stolperte und wäre gestürzt, doch Lias fing sie auf. Für einen Moment sah er das empfindsame Mädchen vor sich, nicht die abgeklärte, harte Fürstentochter, da zog Skaras starker Arm sie mit einem Ruck weiter.

Wenige Meter entfernt hob Skara sie wie eine Puppe in die Höhe. Renas Fuß verfehlte den ersten Ast, dann spannte sie ihre Muskeln an, fand Halt und erklomm die nächsten Äste. Erregte Stimmen drangen mit einem Mal an Lias‘ Ohr. 

Sein Herz flatterte wie ein aufgeschreckter Vogel in seiner Brust. 

Sollte er weiter? Aber Rena musste noch ein Stück höher, sonst sah man sie. Skara schubste ihn nach vorn und Lias riss sich vom Anblick Renas los. Die Leibwächterin hatte ja recht, sie mussten schleunigst verschwinden. Er beeilte sich, so gut er konnte, und versuchte dennoch, leise voranzukommen. 

Noch ein Stück. 

Auf beiden Seiten fand er keinen geeigneten Baum. Das konnte doch nicht wahr sein. Skara, die gerade neben ihm gewesen war, war nun verschwunden.

Das Dröhnen von Hufen hallte durch den Wald. Es wurde immer lauter, kam näher und näher. Kein Vogel sang und der Wind schien innezuhalten. 

Lias schluckt, sein Mund war trocken. 

Da! Der Baum sollte gehen! 

Mit einer schnellen Bewegung zog er sich empor und seine Finger griffen zu, ohne dass er darüber nachdachte. Die Blätter am Waldboden verschwammen mit dem Moos und der feuchten Erde zu einem grünbraunen Flickenteppich, je weiter er nach oben kam. Lias zwang seinen Atem zur Ruhe, als er einige Meter über dem Boden angekommen war. Höher konnte er nicht, die Äste würden sein Gewicht nicht tragen. Sein Versteck war nicht optimal, die Birke war nicht dicht genug belaubt. Zumindest waren sein Gesicht und seine Kleidung durch die drei Tage und Nächte, die sie unter freiem Himmel verbracht hatten, mit Staub und Erde beschmiert. So war er gut getarnt.

Da, ein paar Bäume entfernt, machte er Renas schlanke Gestalt aus. Ihre Arme schlangen sich um den Baumstamm und ihr sommersprossiges Gesicht wandte sie in Richtung der borkigen Rinde, damit man sie nicht entdeckte. 

Lias ließ seinen Blick weiterwandern.

Ein Pferd schnaubte aufgeregt und brach wenige Meter unter ihm durch das Dickicht. Als Erstes konnte er zwei Reiter ausmachen, drei weitere folgten ihnen. Sie ritten langsam und bedächtig, denn hier standen Bäume und Sträucher dicht an dicht und an ein schnelleres Tempo war nicht zu denken. Ihre dunklen Ascaneraugen schweiften von rechts nach links. 

Heilige Questa, bitte lass sie uns nicht finden!, betete der Junge stumm. 

Wo waren die anderen Ascaner? Er hatte zehn Mann gezählt, ganz sicher. 

Und wo war Skara?

Er konnte sie nicht entdecken, und auch die wenige Bäume entfernte Rena drehte ihren Kopf, als suchte sie die Leibwächterin. 

Es knackte. 

Renas Augen weiteten sich und Lias hatte das Gefühl, als durchführe ihn ein Blitzschlag. Das Mädchen drückte ihre Stirn an die Baumrinde, die Lider geschlossen, wie ein Kind beim Versteckspiel. Sie hatte aus Versehen einen dürren Zweig abgebrochen, der nun zu Boden fiel. Lias fluchte innerlich. 

Das durfte doch nicht wahr sein. 

Suchende Blicke flogen wie Pfeile quer durch das Blätterdach. Aufgeregt rief ein Ascaner: „Leise!“

Die Zeit schien still zu stehen. Gleich würden sie einen von ihnen entdecken! Und dann nicht mehr aufhören zu suchen, bis sie sie alle gefunden hatten. 

Das durfte er nicht zulassen! Vielleicht konnte er sie ablenken. Sein Körper spannte sich an und er ließ sich ein Stück am Stamm hinuntergleiten. 

Aus den Augenwinkeln sah er, wie Rena den Kopf schüttelte, aber das musste er ignorieren. 

Der Blick des vordersten Reiters glitt in seine Richtung, doch noch hatte er ihn nicht entdeckt, da stolperte sein Pferd und riss ruckartig den Schädel hoch, um nicht zu stürzen. Der Mann auf seinem Rücken rutschte über den hinteren Teil des Sattels und schob sich schnaufend wieder zurück. Seine Gefährten lachten leise. Lias hatte es in den paar Sekunden geschafft, sich um den Stamm herumzuschieben, sodass dieser sich nun zwischen ihm und den Ascanern befand. Der vorderste Reiter blickte noch einmal ins Blätterdach, wandte sich dann aber ab.

Aus der Entfernung war das Brechen von Zweigen zu vernehmen. Der erste Ascaner hob die Hand und der Trupp zügelte die Reittiere. Ein anderer von ihnen brach ein paar Meter entfernt aus dem Dickicht und winkte den Männern, die Lias‘ Versteck gerade passiert hatten. 

Da waren also die restlichen Reiter. 

Die Berittenen unter ihnen drückten ihren Pferden die Schenkel in die Flanken, woraufhin sie sich in einen zügigen Schritt begaben. Die beiden Gruppen vereinten sich und legten an Tempo zu. Als der Letzte mit einem suchenden Blick hinter sich das Unterholz verließ und auf den Waldweg abbog, seufzte Lias und hatte das Gefühl, der Wald um ihn herum atmete mit ihm auf. 

 

Nachdem die morgendliche Begegnung mit den Ascanern sie einiges an Zeit gekostet hatte, hatten sie versucht, so gut wie möglich voranzukommen. Nun versank die Sonne bereits hinter den ersten Ausläufern des Amandra Gebirges, das ihr Fürstentum vom Königreich Kendra trennte. Lias zog den Sattel vom Rücken des kleinen, dunkelbraunen Pferdes, das ihn von Sundea aus bis hierher getragen hatte.

Manchmal fühlte es sich an, als wäre all das, was erst vor wenigen Tagen passiert war, ein Leben weit weg und gar nicht ihm selbst, sondern einem anderen widerfahren. Dann wieder standen ihm die Bilder der brennenden Stadt, der Zerstörung und der Toten so lebendig vor Augen, dass ihm das Atmen schwerfiel. Der Angriff der Ascaner auf die Hauptstadt, der Versuch, die Menschen des Fürstentums Sundea zu beschützen, ihr grausames Scheitern und seine Flucht aus der Burg mit Rena, Marla, Lanna und Skara, waren bittere Erinnerungen. Lias fühlte sich unendlich müde und dennoch wusste er, dass er auch in dieser Nacht nur schwer würde schlafen können.

Zum einen musste er die Fürstentochter Rena und ihre Freundinnen beschützen, zum anderen hatte er das Gefühl, als stieg ihm der Geruch nach Blut und Rauch in die Nase, wenn er träumte, und beschworen die Gedanken an die letzten Stunden des Angriffes herauf. Doch am schlimmsten waren die Schuldgefühle, die mit spitzen Zähnen an ihm nagten. 

Er hatte einen Ascaner getötet. 

Er hatte seine Stadt verlassen, für deren Schutz er zuständig gewesen war, um Rena, die Tochter des ermordeten Fürsten, zu beschützen. Er wusste nicht, was aus seinem Vater und aus seinen Geschwistern geworden war, ob seine Freunde und Kameraden noch lebten oder einsam in den Straßen der Hauptstadt verwesten. Lille, seine Zwillingsschwester, fehlte ihm, als hätte man ihm einen Arm oder ein Bein amputiert. Sie in seiner Nähe gehabt zu haben, war für ihn in den fast fünfzehn Jahren seines bisherigen Lebens selbstverständlich gewesen. Und nun wusste er nicht einmal, ob sie tot oder lebendig war. 

„Ich möchte dich ja nicht in deinen Tagträumen stören Stadtwächter, aber wir brauchen Wasser. Und du hast die erste Schicht heute Nacht.“ Rena kehrte ihm schon wieder den Rücken zu, nachdem sie ihm diese Worte an den Kopf geworfen hatte.

Ja, und das auch noch. Die Fürstentochter, von der er geglaubt hatte, dass sie eine Art Freundschaft verband, war ihm gegenüber abweisend und schroff. Er hatte sich entschieden, sie zu beschützen, wie er es ihr angeboten hatte, und dafür die Stadt im Stich gelassen. Sie schien ihm genauso wenig verzeihen zu können, wie er sich selbst. 

„Ich hole Euch sofort das Wasser, aber Rena -“ Lias hatte einen Schritt auf sie zugemacht, doch das Mädchen schüttelte heftig den Kopf, sodass ihr einst wunderschönes braunes Haar, jetzt eine zerzauste Mähne, hin und her flog. 

„Fürstin Rena! Und mit dir habe ich wirklich nichts zu besprechen.“ Ihre Stimme klang barsch, aber das kannte er ja schon von ihr. Sie war immer reserviert und nur ganz selten erhaschte man einen Blick auf ihr verletzliches Inneres. 

Eigentlich war es eine seiner Stärken, sich in andere hineinzuversetzen und ihr Vertrauen zu gewinnen, aber bei Rena schien in den letzten Tagen nichts zu wirken, er war erschöpft und gekränkt, sodass er nun seinerseits erwiderte: „Ach wirklich – Fürstin Rena? Sagt man das noch so, wenn Ihr Euer Fürstentum verloren habt? Das ist doch nun in der Hand der Ascaner. Vielleicht seid Ihr jetzt auch einfach eine vom gemeinen Volk, so wie ich?“ 

Er sah, wie sie den Mund aufriss und sich Tränen in ihren goldbraunen Augen sammelten, und fühlte sich schlecht, sie so angegangen zu haben. Aber das war in den letzten Tagen ja nichts Neues gewesen, also schnappte er sich die Flaschen und stapfte durch den Wald bis zu einem kleinen Fluss.


 

Wer schon einmal in Band 1 reinlesen möchte, 
findet hier das erste Kapitel

Kapitel 1: Lille

Sie strich ihrer kleinen Schwester Nela, die friedlich träumend in ihrem Bett lag, sanft über die wuscheligen Haare. Meo, ihr Hund, lag an ihrer Seite, obwohl ihr Vater es verboten hatte. Er war der hässlichste Köter, der jemals Lilles Weg gekreuzt hatte. Einäugig, mit unbändigem schwarzem Fell und grimmigem Gesicht. Nela und der zottelige Hund waren unzertrennlich, seit sie ihn vor vier Jahren gefunden hatte, nachdem … ja, kurz nach dem Ereignis.

Lille legte sich ins Bett, aber jetzt waren ihre Gedanken wieder in der Vergangenheit. Sie warf sich auf die andere Seite und befahl sich, nicht weiter zu grübeln. Sie war dem, was sie nachts nicht schlafen ließ, bedrohlich nahegekommen.

Ob sie Lias verstimmt hatte? Sie rieb sich die Stirn. Sie hatte ihn nicht stehen lassen wollen, aber sie hätte es nicht ertragen, wenn er davon angefangen hätte. Lille zwang sich, ihren Geist auf etwas anderes zu richten. Sie schloss die Augen und versuchte noch mal, sich an den Wortwechsel zwischen Monte und ihrem Vater zu erinnern. Es war dringend gewesen, sonst wäre der Fischer nicht nachts vor der Tür gestanden. War wirklich das Wort Tote gefallen? Wer war gestorben? Und warum weckte man ihren Vater? Er war der Kommandant der Stadtwache, aber man rief ihn und seine Männer nur, wenn es um einen Mord ging.

Also wurde jemand ermordet, in Sundea. Oder gar mehrere Personen, grübelte sie und war wacher denn je. Sie stopfte ihr Kopfkissen zurecht und drehte sich auf den Rücken. Sundea war die Hauptstadt des Fürstentums und zählte über zehntausend Einwohner, doch meist war es friedlich und beschaulich hier.

Lille rollte sich erneut hin und her und versuchte, zur Ruhe zu kommen. Einschlafen konnte sie in dieser Nacht trotzdem lange nicht. Ihre Atemzüge verlangsamten sich erst, als am Horizont das zarte Licht der Morgensonne erschien.

 

Obwohl sie sich sagte, dass es nicht ihre Sache war, und keine nächtlichen Besucher mehr kamen, konnte Lille in den folgenden Nächten kaum schlafen. Sie saß stattdessen am Fenster im Flur und blickte auf das tintenschwarze Meer hinaus.

Nun waren bereits vier Nächte vergangen, seit Monte aufgetaucht war, und wieder war sie zu unruhig, um zu schlafen. Ihre Gedanken kreisten und wirbelten umher, als würden auch sie vom Sog der Wirbelwasser angezogen. Lille rieb sich die müden Augen. Zu gern hätte sie mit ihrem Vater über das Gehörte gesprochen, weil es ein dumpfes, ungutes Gefühl in ihr auslöste. 

Aber dann denkt er, ich habe ihn belauscht. Das geht nicht! Das kann ich ihm nicht antun, vor allem nicht jetzt.

Jeden Tag sah ihr Vater eine Spur grauer und abgekämpfter aus, sodass Lille sich um ihn sorgte. Dennoch drängte es sie immer stärker, mit jemandem darüber zu reden, der mehr wusste. Daher hatte sie einen Entschluss gefasst.

Sie streckte sich noch einmal und gähnte. Vielleicht würde sie heute Nacht, da ihre Entscheidung gefallen war, endlich richtig schlafen können. Sie legte sich in ihr Bett und fiel in einen unruhigen Dämmerzustand. Das Gesicht, das ihr schon lange in ihren Träumen begegnete, erschien vor ihrem inneren Auge und blickte sie liebevoll an. Es verflüchtigte sich, wie jedes Mal, wenn sie sich in diesen Traum verstrickte, den sie nicht mehr durchleben wollte.

 

Die Sonne stand bereits eine Weile am Himmel und die kühle Morgenluft wandelte sich langsam zu der Gluthitze, die Sundea in den Sommermonaten fest im Griff hatte. Lille schlüpfte in ihre ausgetretenen Sandalen und schlich sich die Treppe hinunter. Norvid und Nela hatten sie bereits mit dem Frühstück aufgehalten, mehr Zeit wollte sie nicht verlieren und vor allem wollte sie nicht, dass sie der Mut verließ. Sie trat gerade aus der Tür, als ihr Vater die staubige Gasse entlangkam.

„Na, wohin geht‘s?“, fragte er freundlich, aber sie merkte ihm seine Verwunderung darüber, dass sie um diese Zeit aus dem Haus wollte, an. Für gewöhnlich mied sie die Vormittagszeit, denn da war immer viel los und sie lief Gefahr, Bekannten zu begegnen.

„Nur schnell zum Markt und vielleicht noch zum Hafen“, antwortete Lille. „Heute ging deine Wache aber besonders lange“, fügte sie hinzu, als ihr Vater neben ihr stehen blieb.

„Ja, ich musste mir dringend die Anwärter für den freien Posten bei der Stadtwache ansehen. Das gehört leider auch zu den Aufgaben eines Kommandanten.“

Lille runzelte die Stirn, sagte aber nichts darauf. Es war bereits nach neun Uhr und somit ungewöhnlich spät, selbst wenn ihr Vater noch Bewerber geprüft hatte. Doch für Gespräche hatte sie jetzt keine Zeit. Sie wollte zu Aldan, dem Sohn von Monte, dem Fischer.

Aldan war etwas älter als sie und Lille wusste, dass er sie sehr mochte. Für ihren Geschmack ein bisschen zu sehr. 

Doch Aldan, Lias und sie waren schon lange die besten Freunde und so versuchte sie, seine unverhohlene Freude, als er ihr die Tür öffnete, zu ignorieren. Wobei das, bei dem strahlenden Lächeln, das auf seinem Gesicht erschien, nur schwer möglich war.

„Lille, wie schön dich mal wieder zu sehen! Komm rein, komm rein! Es ist bestimmt Wochen her, dass du hier warst“, empfing er sie.

„Hallo Aldan, ich war etwas … also … es freut mich auch, dich zu sehen“, antwortete sie weit weniger überschwänglich und trat in das Fischerhäuschen. Aldan musste wie immer den Kopf an der Tür einziehen, damit er ihn sich nicht anstieß. Überhaupt wirkte er mit seinen breiten Schultern und seiner Körpergröße, als wäre ein Riese in eine Puppenstube eingebrochen. Doch so groß er war, so freundlich strahlten sie seine grünbraunen Augen unter den markanten Brauen an und seine Grübchen zeigten sich. Er deutete einladend auf die Holzbank in der düsteren kleinen Küche. 

Sie setzte sich und da sie sich noch nicht überwinden konnte, vom Grund ihres Besuches zu erzählen, blickte Lille sich um. Auf dem Tisch stand eine Schale mit Orangen, Trauben und Feigen und von der Decke hing ein Bündel Lavendel, der auf den Feldern vor der Stadt wuchs. Wenn sie sich konzentrierte, konnte sie den schwachen Geruch der Kräuter in der Luft wahrnehmen. Aldan strich eine Strähne seines halblangen Haares zurück, das wie meistens in einem kleinen Zopf gebändigt war. Es zeigte, wie gut er sie kannte, dass er nicht nachfragte, sondern ihr die Zeit gab, die sie brauchte.

„Ist dein Vater nicht da?“, fragte sie. 

„Nein, der verkauft den Fang von heute Nacht auf dem Markt, obwohl sich das kaum lohnt. War wenig in den Netzen diesmal. Aber nur deshalb“ – an dieser Stelle hellte sich Aldans Miene auf – „bin ich überhaupt zu Hause. Er meinte, die paar Fische kann er auch allein verkaufen. Und wir beide können endlich mal wieder reden. Ist schon viel zu lange her.“

Lilles Ohren wurden heiß. Er hatte ja recht – sie war kaum unter Leute gegangen in den letzten Wochen, oder gar Monaten. Es wurde immer schlimmer damit. Aber in seinem freundlichen Gesicht lag kein Vorwurf und sie musste unwillkürlich lächeln. Aldans Freude über ihren Besuch war so ehrlich, dass sie sich nicht dagegen wehren konnte. Sie nahm ihren Mut zusammen und kam auf das zu sprechen, weshalb sie überhaupt hergekommen war.

„Aldan, dein Vater hat vor ein paar Tagen nachts bei uns an die Tür geklopft. Ich habe nicht alles verstanden, aber es ging um irgendwen, der gestorben ist.“

„Hm. Und weshalb geht er dann zu deinem Vater?“ Aldan kratzte sich am Kopf und überlegte einen Moment. „Das macht eigentlich nur Sinn, wenn …“ Er stockte. „Also … wenn jemand umgebracht wurde. Hat er das gesagt? Bist du dir sicher?“

Lille antwortete nicht gleich, dann überwand sie sich und nickte. Hoffentlich hielt Aldan sie nicht für übergeschnappt, wenn sie weiterredete. 

„Sie haben von mehreren Personen gesprochen. Von einer ganzen Familie. Und Monte hat gefragt, ob das nicht schon mal in letzter Zeit passiert ist. Und mein Vater … also, er hat zugestimmt.“

„Meinst du nicht, wir hätten mitbekommen, wenn Morde in Sundea geschehen?“, meinte Aldan.

„Mein Vater versucht, es geheim zu halten, glaube ich. Deshalb ja der Besuch mitten in der Nacht“, gab Lille zu bedenken. 

„Wir könnten sie natürlich fragen“, meinte er zögernd. „Aber denkst du, dass sie uns etwas sagen würden?“ Er hielt kurz inne, bevor er weitersprach. „Wir könnten meinen Vater vielleicht dazu bekommen, wenn wir ihn überrumpeln. Am besten auf dem Markt, da ist er im Stress.“

Er lächelte sie an und Lilles Gesichtszüge entspannten sich. Er nahm sie also ernst. Bevor sie antworten konnte, klopfte es an der Tür.